Bewehrte Erde — GeoTechnical Solutions

Bewehrte Erde bezeichnet einen Verbundbaukörper aus verdichtetem Schüttboden und zugfesten Bewehrungslagen, die den Boden im Reibungsverbund halten. Im deutschen Sprachgebrauch sind die Begriffe Konstruktion aus bewehrter Erde und die Abkürzung KBE üblich. Da Boden Druckspannungen gut, Zugspannungen jedoch kaum aufnehmen kann, übernehmen Geogitter oder Geotextilien die Zugkräfte und ermöglichen steile bis senkrechte Geländesprünge ohne massive Betonwand. Bemessungsgrundlage sind die Empfehlungen EBGEO in der Fassung von 2010 in Verbindung mit DIN EN 1997-1 und DIN 1054.

Wirkprinzip des Reibungsverbunds

Der Verbund entsteht über Reibung und Verzahnung zwischen Bewehrung und Korngerüst. Verformt sich der Erdkörper unter Eigengewicht und Auflast, aktiviert er in den Bewehrungslagen Zugkräfte, die den seitlichen Ausweichbewegungen entgegenwirken. Der Boden bleibt dadurch in einem quasi seitlich gestützten Spannungszustand, ähnlich einem Triaxialversuch mit erhöhtem Seitendruck. Voraussetzung ist ein gut verdichtbarer, überwiegend nicht bindiger Schüttstoff mit ausreichendem Reibungswinkel und begrenztem Feinkornanteil, damit die Bewehrung ihre Verankerungslänge hinter der maßgebenden Gleitfuge mobilisieren kann.

Anders als eine starre Betonwand ist der bewehrte Erdkörper verformungsfähig. Er verträgt Setzungsunterschiede und Verformungen aus dem Untergrund, ohne dass sich Zwangsschnittgrößen aufbauen, und eignet sich deshalb auch bei mäßig tragfähigem Baugrund oder in Bereichen mit Restsetzungen.

Schichtaufbau und Frontausbildung

Ausgeführt wird lagenweise: Bewehrung auslegen, Schüttmaterial einbauen, verdichten, nächste Lage. Die Lagenabstände liegen üblicherweise zwischen 30 und 60 cm und richten sich nach Erddruck, Auflast und Bewehrungsfestigkeit; im oberen Wandbereich sind größere, im Fußbereich engere Abstände typisch. Die Wahl der Front bestimmt Optik, Wartung und Bauablauf, ist statisch aber sekundär, weil die Standsicherheit aus dem bewehrten Erdkörper selbst stammt.

Frontausbildung Merkmale Typische Anwendung
Wickelverfahren mit Schalhilfe Bewehrung wird an der Front umgeschlagen, Böschung begrünbar geneigte Wände an Straßen- und Bahndämmen
Blocksteinfront aus Betonelementen Senkrechte Ansicht, definierte Fugen, schneller Baufortschritt Stützwände in beengter Lage, Ortslagen
Gabionenfront Durchlässig, verformungsverträglich, natursteinsichtig Uferbereiche, Hangsicherung, Lärmschutz
Betonfertigteilpaneele Ebene Sichtfläche, hohe Maßhaltigkeit, Anschluss über Verbindungselemente Widerlagerkonstruktionen und hohe Wände

Bemessung nach EBGEO

Die Bemessung erfolgt zweistufig. Für die äußere Standsicherheit wird der bewehrte Block wie ein Schwergewichtskörper behandelt und gegen Gleiten, Grundbruch, Kippen und Geländebruch nachgewiesen. Für die innere Standsicherheit werden die erforderlichen Zugkräfte je Lage, die Verankerungslängen hinter der Gleitfuge und der Herausziehwiderstand untersucht sowie die Verformungen begrenzt. Die anzusetzende Bemessungsfestigkeit der Geokunststoffe ergibt sich aus der charakteristischen Kurzzeitfestigkeit, vermindert um Beiwerte für Einbauschädigung, Kriechen, Verbindungen sowie chemisch-biologische Beständigkeit über die geplante Nutzungsdauer.

Für die Ausführung folgen daraus konkrete Vorgaben: Die Bewehrungslänge wird über die gesamte Wandhöhe auf die maßgebende Gleitfuge abgestimmt, das Schüttmaterial lagenweise mit definiertem Verdichtungsgrad eingebaut und die Verdichtung im frontnahen Bereich mit leichtem Gerät ausgeführt, damit die Frontelemente nicht verschoben werden. Ebenso nachzuweisen sind die Bauzustände während des Schüttens sowie, bei Wänden mit Verkehrslasten aus Schwerverkehr oder Bahnbetrieb, die Einwirkungen aus zyklischer Beanspruchung. Wasserführung und Dränage hinter dem bewehrten Block gehören zum Entwurf, weil Porenwasserdrücke den Reibungsverbund abmindern.

Vergleich mit massiven Stützwänden

Gegenüber einer Betonstützwand ergeben sich mehrere planerische Unterschiede:

  • keine tiefe Massivgründung erforderlich, da die Last flächig über die Blocksohle abgetragen wird
  • Verformungs- und setzungsverträglich, dadurch geeignet bei nachgiebigem Untergrund
  • überwiegend Erdbau statt Betonbau, damit witterungsunabhängiger Bauablauf ohne Schalung und Ausschalfristen
  • Verwendung von Schüttmaterial aus dem Baufeld, sofern Kornverteilung und Verdichtbarkeit passen
  • Frontgestaltung frei wählbar, von begrünter Böschung bis zur senkrechten Blocksteinwand

Die erreichbare Höhe ist nicht durch das Verfahren begrenzt, sondern durch den Standsicherheitsnachweis, den verfügbaren Platz für die Bewehrungslänge und den Baugrund. Ausführungen im zweistelligen Höhenbereich sind bei entsprechender Bewehrung üblich, ebenso gestufte Wände mit Bermen. Als Faustwert für die Vorbemessung dient eine Bewehrungslänge in der Größenordnung von etwa 70 Prozent der Wandhöhe; maßgebend bleibt der Nachweis im Einzelfall.

Verwandte ViaCon-Lösungen

Einen Überblick über Bewehrungs- und Stützkonstruktionen gibt die Übersicht der geotechnischen Lösungen von ViaCon. Die tragenden Bewehrungslagen sind unter Geogitter für bewehrte Erdkörper beschrieben, passende Frontelemente unter ViaBlock Blocksteinsystem. Vertiefend dazu die Glossareinträge zum Geogitter, zur Stützmauer, zu Gabionen und zum Widerlager.

Häufige Fragen zu bewehrter Erde

Welcher Boden eignet sich als Füllmaterial für bewehrte Erde?

Geeignet sind gut verdichtbare, überwiegend nicht bindige Böden mit hohem Reibungswinkel und begrenztem Feinkornanteil, etwa Sande, Kiese und geeignete Recyclingbaustoffe. Bindige Böden sind kritisch, weil der Reibungsverbund sinkt und Porenwasserdrücke entstehen können. Maßgeblich sind Kornverteilung, Verdichtbarkeit und Wassergehalt beim Einbau; die Eignung wird über Eignungsprüfungen belegt.

Nach welchem Regelwerk wird bewehrte Erde bemessen?

Grundlage sind die Empfehlungen für den Entwurf und die Berechnung von Erdkörpern mit Bewehrungen aus Geokunststoffen, EBGEO 2010, in Verbindung mit DIN EN 1997-1 und DIN 1054. Nachzuweisen sind die äußere Standsicherheit des Erdkörpers und die innere Standsicherheit mit Zugkräften, Verankerungslängen und Herausziehwiderständen einschließlich der Reduktionsbeiwerte für die Geokunststoffe.

Wie hoch können Konstruktionen aus bewehrter Erde ausgeführt werden?

Eine feste Obergrenze gibt das Verfahren nicht vor. Bestimmend sind Standsicherheitsnachweis, Baugrund und der Platz für die erforderliche Bewehrungslänge, die mit der Wandhöhe wächst. Höhere Wände werden häufig gestuft mit Bermen ausgeführt, was Bewehrungslängen und Erddruck günstig beeinflusst und zugleich Wartung und Begrünung der Front erleichtert.

Wie unterscheidet sich bewehrte Erde von einer Betonstützwand?

Die Betonstützwand trägt als steifes Bauteil und benötigt eine entsprechend leistungsfähige Gründung. Bewehrte Erde bildet dagegen einen nachgiebigen Verbundkörper, der Setzungen aufnimmt und dessen Standsicherheit aus dem Reibungsverbund stammt. Der Bauablauf ist überwiegend Erdbau, ohne Schalung und Ausschalfristen, dafür mit strengeren Anforderungen an Schüttgut und Verdichtung.